„Die Kunst des Älterwerdens.“
Lebensnahe Alterspsychiatrie – generationsübergreifende Settings
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„Die Kunst des Älterwerdens.“
Lebensnahe Alterspsychiatrie – generationsübergreifende Settings
Psychologin: Also es ist leicht zu sagen, ach naja, die Oma ist jetzt 80, was will die schon noch haben vom Leben, oder die hat im Leben viel erlebt und jetzt kann sie sich auch mal ausruhen und vielleicht eine Tablette nehmen und die Beine hochlegen.
Oberarzt: Es gibt so gewisse Themen, die im Alter häufiger auftauchen, das sind Verlusterleben, was häufig in Depressionen mündet, oder aber eben auch die Häufigkeit von Demenzen, die zunimmt.
Psychologin: Die Menschen werden natürlich traurig, haben keine Lust mehr, ihre Angehörigen zu sehen, Kinder oder Enkelkinder. Alltagsaufgaben fallen schwer, so etwas wie Einkaufen oder Haushalt versorgen und es fehlt so der Lebensmut im Allgemeinen.
Oberarzt: Man braucht viel mehr Zeit, viel mehr Geduld als mit Jüngeren, manchmal schon die Gesprächssituation. Sie wissen, im Alter kommt es auch zunehmend zu körperlichen Erkrankungen, Behinderungen. Das Sehen wird nicht besser, das Hören auch nicht.
Sozialarbeiterin: Deshalb wählen wir auch möglichst einen kleineren Raum aus. Die Patienten sitzen nicht wie sonst im Kreis, sondern sitzen an Tischen, haben so auch ein bisschen Schutz, können sich besser sehen, können auch mal von den Lippen ablesen, mit solchen Kleinigkeiten, die aber für die Patienten sehr wichtig sind.
Oberarzt: Wir haben es eben auch ganz häufig, dass wir nicht nur den Betroffenen behandeln, sondern auch die Angehörigen mitbehandeln müssen, weil es sich meistens um Dinge handelt, die in der Familie passieren und da auch viel auslösen.
Sozialarbeiterin: Es gibt große Ängste von Angehörigen, die oft sagen, das geht zu Hause überhaupt nicht mehr, meine Mutter muss unbedingt ins Heim, das geht nicht mehr, wir sind sehr verzweifelt, wenn wir dann aber nach der Behandlung, wenn die Patienten schon ein paar Mal zu Hause waren, dann öffnet sich der Blick wieder und häufig beruhigt sich die ganze Sache auch und die Patienten können doch wieder nach Hause gehen.
Oberarzt: Es ist wissenschaftlich belegt, dass Beschäftigung ein ganz zentraler Punkt ist im Alter, dass jemand etwas Sinnvolles tun muss, schaffen muss und dadurch können viele Dinge behandelt werden, Depressivität, Verhaltensauffälligkeiten, Unruhe kann behandelt werden, es kommt zu sozialen Kontakten, also da zeigt sich eigentlich die ganze Bandbreite, die man sonst vielleicht auch von früheren Jahren aus seinem Alter gewohnt war.
Psychologin: Und in der Gruppe ist es dann leichter für die Menschen, miteinander ins Gespräch zu kommen. Wenn es gut läuft, bin ich tatsächlich der Moderator und kann mich irgendwann rausziehen und die Gruppe interagiert miteinander ohne mich.
Sozialarbeiterin: Gerade bei den alten Menschen, wenn man die Zeit hat, sich mit denen ein bisschen länger zu unterhalten, auch die Lebensgeschichte dazu hört, vor allen Dingen, wenn es so ist, dass ich einen Hausbesuch mache und den Patienten in seiner Familie erlebe, dann erlebt man oft Glück, weil das einen sehr bereichert, weil man den Patienten ganz anders sehen kann als hier am Krankenbett.
In den kommenden Jahren ist eine deutliche Zunahme von Älteren und besonders Hochaltrigen zu erwarten. Da bis heute keine präventiven oder therapeutischen Entwicklungen zur durchgreifenden Beeinflussung von Inzidenz oder Prävalenz alterspsychiatrischer Erkrankungen erkennbar sind, werden auch diese entsprechend häufiger auftreten. Die Zunahme im Alter häufig auftretender psychiatrischer Störungen wie Depressionen und Demenzerkrankungen betrifft in besonders hohem Maß das Berliner Umland. Eine der größten Herausforderungen der nächsten Jahre wird sein, diesen Entwicklungen erfolgreich zu begegnen.
Im stationären und teilstationären Bereich hat sich das Zentrum für seelische Gesundheit an der Immanuel Klinik Rüdersdorf, Universitätsklinikum der MHB für eine integrierte Versorgung alterspsychiatrischer Patienten entschieden. Gegenüber segregativen Versorgungsmodellen mit z. B. einer gerontopsychiatrisch spezialisierten Station haben integrative Lösungen den Vorteil, ein realistischeres Abbild der Gesellschaft zu liefern: Alte werden nicht ausgegrenzt und das Selbsthilfepotenzial zwischen alt und jung kann voll genutzt werden. Allerdings erfordert ein solches Modell auf die Belange Älterer abgestimmte Stationsabläufe, die insbesondere Überforderung vermeiden sollen.
So ist bei älteren und kognitiv eingeschränkten Menschen oft eine diagnostische Maßnahme oder Therapieeinheit pro Tag günstiger als die Abarbeitung eines Tagestherapieplans, wie er vielleicht für einen jungen depressiv Erkrankten aufgestellt wird. Besonderen Wert wird auf die Gestaltung des Milieus im Rahmen einer festen Tagesstruktur gelegt, dass mal anregen, mal beruhigen aber den Betroffenen keinesfalls überfordern soll.
Darüber hinaus besteht speziell für Menschen mit Gedächtnisproblemen über die Alterspsychiatrische Sprechstunde der Psychiatrischen Institutsambulanz (PIA) die Möglichkeit, diese diagnostisch abklären und ggf. behandeln zu lassen: Nach Überweisung durch den Hausarzt oder ambulanten Nervenarzt wird in Zusammenarbeit mit dem Überweiser eine ausführliche Diagnostik mit gegebenenfalls ausführlicher neuropsychologischer Untersuchung durchgeführt. Die Untersuchungen können überwiegend ambulant erfolgen, sollte eine weiterführende Diagnostik notwendig werden, können entsprechende Angebote vermittelt werden (z.B. Verhaltensbeobachtung und Untersuchung von Nervenwasser in unserer Akuttagesklinik oder während eines stationären Aufenthaltes).
Nach Abschluss der Diagnostik werden Betroffene und berechtigte Angehörige hinsichtlich der Diagnose, der zu erwartenden Prognose und den therapeutischen Möglichkeiten angemessen und ausführlich beraten. Bei Bedarf wird beim Stellen von Anträgen (z. B. Pflegegrad), Ausfüllen von Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen bzw. der Einrichtung einer Betreuung Unterstützung zuteil. Hinsichtlich der sozialen und pflegerischen Belange erfolgt eine enge Kooperation mit anderen Trägern unserer Region, so ist das Zentrum für seelische Gesundheit an der Immanuel Klinik Rüdersdorf, Universitätsklinikum der MHB Partner im DemenzNetz MOL. Für diese diagnostischen und beratenden Aufgaben stehen ein Team aus Ärzten, Psychologen, Sozialarbeitern und medizinischen Fachangestellten zur Verfügung.
An Diagnostik und Beratung schließt sich die Abstimmung der weiteren Behandlung gemeinsam mit dem überweisenden Hausarzt, den Betroffenen und Angehörigen an.
Die Alterspsychiatrische Sprechstunde ist jedoch nicht auf die Erstdiagnostik von Gedächtnisstörungen beschränkt. An allen drei Standorten der PIA (Fürstenwalde, Strausberg und Rüdersdorf) werden Betroffene mit bereits fortgeschrittenen Demenzen und begleitenden Verhaltensauffälligkeiten oder Verwirrtheitszuständen beraten und behandelt. Ein weiterer Behandlungsschwerpunkt liegt bei der Altersdepression. Die störungsspezifischen Behandlungsmöglichkeiten sind vielfältig und umfassen neben Medikation und milieutherapeutischer Beratung, kognitives Training sowie Musik-, Ergo-, Physio- und Psychotherapie als Einzel- oder Gruppenangebote. Ziel der Angebote ist es, ein weitestgehend selbstbestimmtes und möglichst selbstständiges Leben bei hoher Lebensqualität zu ermöglichen.
Erhalten Sie weitere Informationen zur Alterspsychiatrischen Sprechstunde der Psychiatrischen Institutsambulanz.
Man erlebt ein Glückverhältnis, das einen bereichert.
Sozialarbeiterin der Station Alterspsychiatrie